Hungersnot als Verteilungsproblem

Hungersnot als Verteilungsproblem

Infografik Nr. 670088

Hungersnöte entstehen nicht immer allein durch die Verknappung von Nahrungsmitteln. Das neue ZAHLENBILD führt einen weiteren Faktor auf: die Verteilung der Nahrungsmittel. Hier herunterladen!

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Hungersnöte werden oft mit einer Verknappung der Nahrungsmittel erklärt. Das leuchtet unmittelbar ein, wenn die absolute Menge an Nahrungsmitteln sinkt – etwa durch Dürren oder Missernten – und die Bevölkerung irgendwann nicht mehr ausreichend versorgt werden kann. Die Knappheitsthese reicht aber allein nicht aus, um die Ursachen von Hungersnöten zu erklären. In der Realität kommt es nämlich nicht selten zu Hungersnöten, obwohl eigentlich genug Nahrung zur Verfügung stünde. Das Problem liegt dann in der Verteilung der Nahrungsmittel, die von sozialen und ökonomischen Faktoren abhängig ist. Diesen Zusammenhang hat der indische Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen in seinem 1981 erschienenen Buch „Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation“ dargelegt.

In seinem Erklärungsansatz geht Amartya Sen von sogenannten „entitlements“ aus. Damit meint er die Zugangsmöglichkeiten, die jede Person in einer Gesellschaft zu den verschiedenen Wirtschaftsgütern hat, darunter auch Nahrung. Die Basis dieser Zugangsmöglichkeiten bildet die Ausstattung einer Person mit Eigentum. Ein einfacher Bauer in einem Entwicklungsland ist beispielsweise mit Land, einigen Werkzeugen sowie mit seiner eigenen Arbeitskraft ausgestattet. Dies alles kann er nutzen, um seine eigene Nahrung zu produzieren – er kann aber auch seine Erzeugnisse oder seine Arbeitskraft verkaufen und dann seine Gewinne bzw. seinen Arbeitslohn auf dem Markt gegen Nahrung eintauschen. Die Ausstattung mit Eigentum und die sich daraus ergebenden Handlungsmöglichkeiten sind abhängig von den rechtlichen, politischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen in der Gesellschaft, in der jemand lebt. Wie sind die Eigentumsrechte geregelt? Gehört jemand zu einer sozial oder wirtschaftlich benachteiligten Gruppe? Existiert ein soziales Sicherungssystem, welches das Existenzminimum garantiert? Solche und andere sozio-ökonomische Faktoren beeinflussen die Zugangsmöglichkeiten, die eine bestimmte Person in einer bestimmten Gesellschaft in Bezug auf Wirtschaftsgüter – und damit auch auf Lebensmittel – hat.

Kommt es zu einer Verringerung der Zugangsmöglichkeiten zu Nahrung, leidet die Person Hunger. Dies kann auf alle möglichen Arten geschehen. Verliert z.B. ein Bauer sein Land durch Enteignung, kann er seine Nahrungsmittel bzw. seine Tauschgüter nicht mehr produzieren. Komplexer und vielfältiger sind die Ursachen, die nicht die Grundausstattung betreffen, sondern die sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen: Dazu gehören steigende Preise für Nahrungsmittel, Arbeitslosigkeit, sinkende Löhne, Verschlechterungen der Terms of Trade oder eine Unterbrechung der Versorgung durch Kriege.

Reihe: 53
Reihentitel: Zahlenbilder
color: Komplette Online-Ausgabe als PDF-Datei.
s/w-Version: Komplette Online-Ausgabe als PDF-Datei.
Ausgabe: 09/2021
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