Leistungsbilanzen aus dem Gleichgewicht
Infografik Nr. 681230
Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen sind nicht von vornherein nachteilig. Aufstrebende Volkswirtschaften brauchen Kapital von außen, um sich zu entwickeln und geraten dadurch ins Defizit. Problematisch aber wird es, wenn hohe Auslandsverschuldung (siehe USA) und schwache Binnennachfrage (siehe Deutschland, China) aufeinandertreffen. Daten ab 2020 im Diagramm!
Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bauten sich zwischen den Staaten der Erde außenwirtschaftliche Ungleichgewichte auf, deren Ausmaß zunehmend Sorge bereitete. Ungleichgewichte dieser Art schlagen sich in den Leistungsbilanzen der einzelnen Volkswirtschaften nieder. Die Leistungsbilanz eines Landes umfasst die grenzüberschreitenden Waren- und Dienstleistungsströme, Einkommenstransfers (z.B. der Gewinne und Dividenden aus Vermögensanlagen im Ausland) und laufenden Übertragungen (z.B. Zahlungen an internationale Organisationen). Sie gerät ins Defizit, wenn ein Land dauerhaft mehr Güter importiert als es selbst im Ausland absetzen kann. Den Defiziten einiger Länder müssen in der Summe ebenso große Überschüsse in der Leistungsbilanz anderer Länder gegenüberstehen (wegen statistischer Ungenauigkeiten decken sich die beiden Seiten allerdings nicht ganz).
Zur Finanzierung eines Leistungsbilanzdefizits ist ein Land auf den Zustrom von Kapital aus der übrigen Welt angewiesen, sei es in Form ausländischer Kredite oder Direktinvestitionen oder als Anlage von Auslandsgeldern in inländischen Wertpapieren. Die Kapitalbilanz muss also spiegelbildlich zur defizitären Leistungsbilanz einen entsprechend hohen Überschuss aufweisen.
Seit den 1990er Jahren rutschte vor allem die Leistungsbilanz der USA tief ins Defizit. Ein entscheidender Faktor dieser Entwicklung war die sinkende Ersparnis der amerikanischen Volkswirtschaft, bedingt durch die wachsende Staatsverschuldung. Auf der anderen Seite bauten vor allem China und Deutschland massive Überschüsse auf. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09 verringerten sich die Ungleichgewichte zwar, doch nahmen sie ab 2020 wieder deutlich zu, da die Ursachen nicht beseitigt wurden: Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit und im Konsum-, Spar- und Investitionsverhalten der einzelnen Volkswirtschaften sowie künstlich gestützte Wechselkurse.
Um den daraus resultierenden Spannungen im Weltwirtschafts- und -finanzsystem zu begegnen, empfahl der Weltwährungsfonds (IWF) den USA, ihre öffentlichen Finanzen zu konsolidieren. Die Europäische Union (und damit Deutschland) sollte mehr in ihre öffentliche Infrastruktur investieren, um ihre Produktivität zu verbessern. Und China sollte dem Konsum mehr Gewicht einräumen. Hohe Zollschranken, wie sie die USA unter Präsident Trump ab 2025 errichteten, haben laut IWF dagegen nur geringen Einfluss auf die bestehenden Ungleichgewichte. Höhere Handelsbarrieren bergen vielmehr die Gefahr, den Weltmarkt aufzuspalten und der Weltwirtschaft im Ganzen zu schaden.
| Ausgabe: | 08/2026 |
| Produktformat: | eps-Version, Komplette Online-Ausgabe als PDF-Datei. |
| Reihe: | 53 |
| Reihentitel: | Zahlenbilder |