Arm trotz Arbeit

Arm trotz Arbeit

Infografik Nr. 737969

Die meisten EU-Länder haben den wirtschaftlichen Rückschlag durch die Finanzkrise und die nachfolgende Schuldenkrise überwunden, Produktion und Beschäftigung nehmen wieder zu. Dennoch wächst die Za ...

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Die meisten EU-Länder haben den wirtschaftlichen Rückschlag durch die Finanzkrise und die nachfolgende Schuldenkrise überwunden, Produktion und Beschäftigung nehmen wieder zu. Dennoch wächst die Zahl derer, die zwar Arbeit haben, aber nur mit Mühe über die Runden kommen (sogenannte Erwerbsarme oder working poor). Es handelt sich dabei um Personen, deren Haushalt über weniger als 60 % des bedarfsgewichteten mittleren Einkommens im jeweiligen Land verfügt und die daher als armutsgefährdet gelten. In Deutschland lag die Schwelle des Armutsrisikos 2016 bei einem Nettoeinkommen von 1064 Euro für eine alleinstehende Person und bei 2234 Euro für eine vierköpfige Familie (zwei Erwachsene und zwei Kinder).

Nach Daten des europäischen Statistikamts Eurostat lebte 2016 EU-weit fast jeder zehnte Erwerbstätige (9,6 %) im Alter zwischen 18 und 64 Jahren in einem armutsgefährdeten Haushalt. Der Anteil der Erwerbsarmen in den einzelnen EU-Ländern bewegte sich zwischen 3,1 % in Finnland und 18,6 % in Rumänien. Überdurchschnittlich hoch lag der Anteil in einigen von der Schuldenkrise betroffenen Ländern wie Griechenland (14,0 %), Spanien (13,1 %) und Italien (11,8 %) sowie in Bulgarien (11,6 %) und Polen (10,9 %). Aber auch im reichen Luxemburg waren viele Erwerbstätige (12,0 %) vom allgemeinen Wohlstand abgehängt.

Deutschland wies 2016 mit 9,5 % ebenfalls einen recht hohen Prozentsatz von Erwerbstätigen unterhalb der Armutsschwelle auf. Und das in einer Zeit, in der die Beschäftigung von Rekord zu Rekord eilte. Im Vergleich zum Jahr 2005 (mit 4,8 %) hatte sich die Quote der Erwerbsarmen sogar verdoppelt. Dieses scheinbare Paradox findet seine Erklärung in der Arbeitsmarktpolitik, wie sie in Deutschland, mit graduellen Unterschieden aber auch in anderen EU-Ländern, praktiziert wird. Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sieht in der sogenannten Aktivierungspolitik (unter dem Schlagwort „Fördern und Fordern“) eine Ursache für die Zunahme der Erwerbsarmut bei gleichzeitig wachsender Beschäftigung. Durch sie würden Arbeitslose nämlich angehalten, auch niedrig bezahlte Arbeit oder Teilzeitjobs anzunehmen, mit denen sich kein ausreichendes Haushaltseinkommen erzielen lasse. Eine weitere Erklärung besteht darin, dass viele kleine Selbstständige nur ein weit unterdurchschnittliches Einkommen erzielen. So war von den Selbstständigen (einschl. mithelfender Familienangehöriger) 2016 sogar mehr als jeder fünfte (21,2 %) armutsgefährdet.

Reihe: 53
Reihentitel: Zahlenbilder
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Ausgabe: 04/2018
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