Homo oeconomicus: Modell und Kritik
Infografik Nr. 200235
Der homo oeconomicus ("Wirtschaftsmensch") ist ein zentrales Modell der neoklassischen Wirtschaftstheorie. Es beschreibt einen Menschen, der als Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen stets egoistisch und rational handelt, um seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Aber gegen dieses Modell gibt es Vorbehalte. Was lässt sich dafür, was dagegen sagen?
Der Homo oeconomicus („Wirtschaftsmensch“) ist ein zentrales Modell der neoklassischen Wirtschaftstheorie. Es beschreibt einen idealisierten Menschen, der als Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen stets egoistisch und rational handelt, um seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Das Modell wurde im 19. Jahrhundert von John Stuart Mill in die Wirtschaftstheorie eingeführt und dann schrittweise weiterentwickelt. Der Begriff „homo oeconomicus“ wurde 1906 von dem Ökonomen Vilfredo Pareto zum ersten Mal verwendet.
Das Modell geht davon aus, dass der Homo oeconomicus über vollständige Kenntnis der relevanten Informationen verfügt, also z.B. alle Preise der angebotenen Waren und Dienstleistungen kennt, und die Konsequenzen von Entscheidungen überblickt. Es unterstellt, dass er sich aufgrund stabiler Präferenzen (Vorlieben, Motive, Wünsche oder Ziele) und unter Berücksichtigung von Handlungsbeschränkungen (wie Geld- oder Zeitknappheit) immer für die Option entscheidet, die ihm an den Kosten gemessen den größten Nutzen bringt. An der Börse investiert der Homo oeconomicus beispielsweise ohne Emotionen wie Angst oder Gier in ein breit diversifiziertes Portfolio. Er folgt keinem „Herdentrieb“, hat das Ziel der Gewinnmaximierung, reagiert sofort auf Informationen und ist frei von kognitiven Verzerrungen.
Befürworter des Konzepts führen an, dass es nicht den Anspruch habe, ein realistisches Abbild des Menschen zu liefern. Es könne durch klare Annahmen wie Rationalität und Nutzenmaximierung dabei helfen, die hohe Komplexität wirtschaftlichen Handelns zu vereinfachen und das Verhalten von Marktteilnehmern zu prognostizieren. Außerdem fördere es das Verständnis ökonomischen Denkens.
Kritiker bestreiten, dass der Homo oeconomicus ein Modell ist, das menschliches Verhalten erklären und vorhersagen kann. Die Verhaltensökonomie hat in Laborexperimenten gezeigt, dass bei menschlichen Entscheidungen von begrenzter Rationalität und Informationstransparenz auszugehen ist. Menschen sind sich oft ihrer Präferenzen nicht bewusst und übersehen Opportunitätskosten (Erträge, die ihnen dadurch entgehen, dass sie sich so und nicht anders entscheiden). Und ihr Handeln wird durch psychologische Verzerrungen beeinflusst: So werden Verluste stärker als Gewinne bewertet (Verlustaversion). Bei menschlichen Entscheidungen spielen auch soziale Motive und Normen (wie Fairness oder Gegenseitigkeit) eine Rolle. Der Ökonom Armin Falk schlägt deshalb das Alternativmodell des Homo reciprocans vor, eines Menschen, der auf das Verhalten anderer reagiert. Eine allgemein anerkannte Alternative zum Homo oeconomicus hat sich aber noch nicht durchgesetzt.
| Ausgabe: | 05/2026 |
| Produktformat: | eps-Version, Komplette Online-Ausgabe als PDF-Datei. |
| Reihe: | 53 |
| Reihentitel: | Zahlenbilder |